Während meines Geschichtsunterrichts, einer nach Jahreszahlen zusammengefassten Katastrophenchronik der Menschheit, gewürzt mit Lebensläufen oft fragwürdiger Menschenschlächter, denen man – warum auch immer, den Beinamen „der Große“ verliehen hatte, geniale Erfindungen wurden ebenso nur gestreift oder gar ausgeblendet wie soziale Errungenschaften, erfuhr ich über den Bürgerkrieg des Jahres 1934 wenig. Dass er nicht wie ein Unwetter über Österreich hereingebrochen, sondern der Höhepunkte einer langen Entwicklung war, wurde mir erst viel später bewusst.
Ich entschuldige mich jetzt schon dafür, dass meine Ausführungen nicht den Umfang haben können, den die Sache verdiente und Fakten zum Teil nur verkürzt wiedergegeben werden müssen, da der Zeitrahmen sonst gesprengt würde. Ich werde auf den Bürgerkrieg in Tirol kurz eingehen und versuchen, die Vorfälle in Wörgl unter Zugrundelegung eines Sicherheitsberichts an die Generaldirektion für öffentliche Sicherheit vom 27.04.1934 zu dokumentieren.
In Tirol trug auch die katholische Kirche nicht unerheblich zur Verschärfung des politischen Klimas bei, wie der Hirtenbrief des Generalvikars von Innsbruck-Feldkirch Sigismund Waitz vor den Parlamentswahlen 1927 beweist, in dem zu lesen stand: „Es wird ein Entscheidungskampf sein zwischen Christentum und Glaubensfeindschaft in Österreich“ Die Sozialdemokratie bezeichnete er als „religionsfeindliche Partei“ und setzte damit vor allem die katholischen Arbeiter unter Druck.
Erst Kardinal Franz König hat am 10.02.1984 ein Schuldbekenntnis der Kirche an die Opfer des Faschismus abgelegt und sich entschuldigt. „In diesem Rückblick auf die Zeit von 1934 bekennt die Kirche ihren Anteil an der Schuld unserer Vorfahren und muss dafür um Vergebung bitten“ So seine Worte.
Es ging damals um viel mehr als um parteipolitische Differenzen zwischen den Christlichsozialen und den Sozialdemokraten und deren paramilitärischen Wehrverbänden „Heim(at)wehr“ und dem „Republikanischen Schutzbund“, tiefe ideologische Gräben trennten beide.
Im Korneuburger Eid hatte die Heimwehr sich einer Abkehr von der Demokratie westlicher Prägung verschworen: „Wir verwerfen den westlich-demokratischen Parlamentarismus und den Parteienstaat!" Die Heimwehr trat für eine ständische Staatsgliederung ein.
Der Republikanische Schutzbund hatte sich zum Ziel gesetzt: „… die Arbeiterklasse vor den Gewalttaten des Monarchismus und des Faschismus zu bewahren, die Demokratie zu verteidigen und die Republik zu beschützen“.
Die Tiroler Heimwehr schloss sich immer enger an den italienischen Faschismus an, während die Tiroler Sozialdemokraten engen Kontakt zu den bayrischen Sozialdemokraten pflegten.
Am 16. März 1933 wurde in Tirol die Landesorganisation des Republikanischen Schutzbundes aufgelöst, Ende März 1933 wurde der Republikanische Schutzbund verboten.
Eine katastrophale Maßnahme angesichts der drohenden nationalsozialistischen Gefahr, denn ein gemeinsamer Abwehrkampf hätte dem Widerstand gegen Hitler das nötige Gewicht geben können.
Die Auseinandersetzungen zwischen Sozialdemokraten mit dem illegal weiter operierenden Schutzbund einerseits und den Christlichsozialen mit den austrofaschistischen Heimwehren andererseits fanden am 12.Feber 1934 ihren Höhepunkt in der provokatorischen Durchsuchung des Linzer Arbeiterheims durch die Polizei. Der Republikanische Schutzbund leistete bewaffneten Widerstand, der durch Regierungstruppen blutig niedergeschlagen wurde, Heimwehr und Polizei. (Die Zerschlagung der österreichischen Arbeiterbewegung war eine von Mussolini verlangte Voraussetzung für eine enge Zusammenarbeit mit Italien!)
Fast 200 Schutzbündler wurden in der Folge getötet, mehr als 300 schwer verletzt, alle Institutionen der Arbeiterbewegung wurden zerschlagen, neun Führer des Aufstandes hingerichtet (Georg Weissel, Koloman Wallisch und Karl Münichreiter)
Erst der Einspruch ausländischer Regierungen machte den Hinrichtungen ein Ende.
Julius Deutsch, Otto Bauer und Richard Bernaschek flohen in die Tschechoslowakei.
In Tirol wurde am 13.Feber 1934 gekämpft. Hier lieferten entschlossene Schutzbündler in Wörgl, Kirchbichl und Häring dem Bundesheer, der Polizei und der Heimwehr Feuergefechte. Es gab Verwundete und es folgten Verhaftungen. Die roten „Rädelsführer“ Johann Lenk (Wörgl), Johann Oberhofer (Häring) und Johann Astl (Kirchbichl) wurden vom Tiroler Landesgericht zu schweren Arreststrafen verurteilt.
Der Sicherheitsbericht an das Bundeskanzleramt, den ich in objektiver Sprache wiederzugeben versuche, spricht davon, dass sich nach Bekanntwerden der Kämpfe in Linz, wo „der geheime Republikanische Schutzbund, sowie Angehörige der sozialistischen und kommunistischen Partei schwer bewaffnet den Angriff auf staatliche Organe und die Exekutive unternommen hätten“ am Abend des 12.Februar die Sache in Wörgl nur insofern bemerkbar machte, als einige ehemalige Schutzbündler im Arbeiterheim „Gasthof zur Rose“ Bereitschaft hielten.
Am Morgen des 13. Februar gegen neun Uhr ordnete die BH Kufstein u.a. auch die Besetzung des Parteiheims durch die Heimwehr an „zur Vermeidung jeder Störung der öffentlichen Ordnung“. Bürgermeister Michael Unterguggenberger und Vizebm. Josef Ralser, beide Sozialdemokraten, intervenierten am Polizeiposten, um zu erreichen, dass nicht die Heimwehr, sondern die Polizei, das Arbeiterheim besetzen möge, was ihnen zugesagt wurde, wenn sie vollständige Ruhe garantieren könnten. Auch der Gauleiter der Heimatwehr, Dr. Georg Stawa befürwortete eine derartige Vorgangsweise.
Gegen 9.45 Uhr gingen Unterguggenberger, Ralser, Stawa, Revierinspektor Buratti und Rayonsinspektor Nagl zum Gasthof Rose, um die Räumung zu verhandeln. Im Parteiheim befanden sich ehemalige Schutzbündler, unter ihnen auch Johann Lenk, dem der Auftrag der BH bekanntgegeben wurde. Später kam auch noch Lenks Stellvertreter Julius Lotz hinzu.
Lenk erklärte, er werde unter keinen Umständen der Räumung des Parteiheims zustimmen, worauf ihm Buratti vorhielt, dass er sich der Staatsgewalt widersetze. Nach offenbar heftigem Wortwechsel erklärte Buratti Lenk für verhaftet, worauf sich mehrere Männer um Lenk versammelten, um ihn zu schützen, unter ihnen die ehemaligen Schutzbundgruppenführer Franz Ehrensperger, Rudolf Koo, Alois Brunner, Franz Lebeda und Johann Loibichler.
Unverrichteter Dinge verließen Buratti und Nagl das Haus. Buratti setzte sich mit dem Leiter der BH Kufstein(Hofrat Janetschek) in Verbindung und bat um Militärassistenz. Er erhielt die Nachricht, dass bereits Bundesheer, ein Schutzkorps und mehrere Gendarmen nach Wörgl unterwegs seien.
Buratti erhielt auch die Weisung, zu verhindern, dass der von Kirchbichl und Häring einmarschierende Schutzbund nach Wörgl vordringen könne. Daraufhin wurden in Einvernehmen mit dem Heimatwehrgauleiter Stawa die Rendlbrücke und die Grattenbrücke von Schutzkorps und Militär gesperrt.
Einige Schutzbundangehörige, denen es gelungen war, die Grattenbrücke zu überqueren, zogen sich angesichts des Militärs wieder gegen Mosegg und Richtung Häring zurück.
Währenddessen war es zwischen der auf der Rendlbrücke postierten Schutzkorpsabteilung unter Alois Thaler, Peter Feiersinger und Lorenz Blattl und den Schutzbundangehörigen auf dem Gelände der Cellulosefabrik und beim Turbinenhaus zu einem Feuergefecht gekommen, denn die Schutzbundangehörigen vom Gasthof Rose waren in der Zwischenzeit, etwa um 11.30 Uhr, anscheinend über Aufforderung von Labg. Johann Astl, zum Turbinenhaus gekommen, um sich am Kampf zu beteiligen. Hier wurde Johann Lenk durch einen Unterarmdurchschuss verwundet.
Gegen 13.30 Uhr erschien aus Innsbruck der Landesgendarmeriekommandant Andreas Steiner, um das Standrecht zu verkünden. Auf Ersuchen von Bürgermeister Unterguggenberger wurde die Verkündung des Standrechts um eine Stunde verschoben, um die verbliebenen Schutzbundangehörigen zum Aufgeben zu bewegen. Das Feuer wurde eingestellt und als Parlamentäre wurden Kooperator Wesenauer und der Gemeindearbeiter Johann Gschwantner zum Turbinenhaus gesandt. Sie erklärten, dass Lenk den Auftrag gegeben hätte, das Feuer einzustellen, was jedoch nicht der Wahrheit entsprach. Lenks Erscheinen wurde gefordert.
Erst als BM Unterguggenberger erschien und nochmals erklärte, Lenk ordne die Einstellung des Feuers an, zogen sich die Schutzbundangehörigen zurück.
Als um 14.30 Uhr eine motorisierte Kompanie des Bundesheeres in Wörgl eintraf, waren die Kampfhandlungen bereits beendet.
Bis 23 Uhr des 13. Feber 1934 waren bereits 26 Schutzbundangehörige verhaftet und ans Landesgericht Innsbruck überstellt.
Ich erspare mir die Lobestiraden auf die tapferen Polizisten und Heimatwehrangehörigen, die „durch ihr rasches Handeln für die Bevölkerung von Wörgl eine Katastrophe von unübersehbarer Bedeutung hintan gehalten haben.“
Herbert Salcher hat einmal zu Objektivität der Geschichte angemerkt: Jede geschichtliche Darstellung ist schon durch die Auswahl und Wertung von Quellen subjektiv geprägt. Ich misstraue jedem, der vorgibt, Unmögliches zu vollbringen, nämlich die Geschichte objektiv darzustellen.
Welche Betrachtungsweise man aber auch immer verwenden mag, eines geht aus allen klar hervor: Die Sozialdemokratie hat zu keiner Zeit jemals zu den Beseitigern und Gefährdern der Demokratie gehört, sondern diese immer leidenschaftlich verteidigt.
Diese Wahrheit bleibt unverrückbar, auch wenn die ÖVP bis heute oftmals von „geteilter Schuld“ spricht.
Ich möchte meine Ausführungen mit den Worten Bruno Kreiskys beenden:
„Von einer geteilten Schuld kann überhaupt keine Rede sein. Die Partei machte Fehler –
aber die anderen habe die Demokratie wissentlich, bewusst und mit kühlem Zynismus beseitigt.“